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Musikmesse Frankfurt – ein Rückblick

27. Mai 2011

Die Musikmesse in Frankfurt ist seit Jahren ein ganz besonderes Highlight für die gesamte Musikbranche – so denkt man. Letztlich ist sie – vergleichbar mit der NAMM im kalifornischen Anaheim – »leider« nur die europaweit wichtigste Messe für die Musikinstrumentenbranche, die von den wirtschaftlichen Erschütterungen durch die stetig wachsende Digitalisierung nicht so massiv betroffen scheint wie beispielsweise die noch immer stark leidende Musikindustrie .

So tummelten sich zwischen dem 6. und dem 9. April wieder mehr als 70.000 Besucher zwischen den über 1.500 Ausstellern aus aller Herren Länder in den Frankfurter Messehallen, um sich über die neusten Trends, Ideen und Innovationen der Instrumentenbranche zu informieren. Wie in jedem Jahr war es unmöglich, das gesamte Ausstellungsangebot von über 30.000 Produkten auch nur annähernd wahrzunehmen. Zum Glück sind die Messehallen größtenteils thematisch geordnet, so dass sich die Besucher auf diese Art und Weise ihren individuellen Messeplan einfacher zusammenstellen können. Egal ob Holzblasinstrumente, Gitarren und Bässe, elektronisches Equipment, die Branche zeigte sich an den vier Messetagen gut gerüstet, um den Zuschauerandrang zu bewältigen – auch wenn die Lautstärke in den Hallen von Stunde zu Stunde zunahm, und am Ende des Tages fast kakophonische Auswüchse hatte! Doch – von diesem bekannten – Ereignis abgesehen, macht ein Rundgang schlicht und ergreifend Spaß, da alle Neuigkeiten ausgiebig selbst getestet werden können. Ein besonderes Highlight sind auch immer wieder die zahlreichen Konzerte und speziellen Showacts, die an den Ständen stattfinden. Selten können die Stars der Musikszene so hautnah erlebt und bei Ihrem virtuosen Spiel beobachtet werden.

Reactable Musikmesse Frankfurt 2011Ein – ganz persönliches – Erlebnis der besonderen Art war ein Instrument, das im letzten Jahr erstmals auf der Messe präsentiert worden ist: das Reactable . Dieses in Barcelona entwickelte und kreierte elektronische Instrument, das dank Björks Live-Tourneen vor einigen Jahren erstmals weltweit Beachtung erhielt, zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise, wie interaktiv und didaktisch elektronisch erstellte Musik vermittelt werden kann. Auf einer kreisrunden Oberfläche kann der Musiker Objekte ablegen, die frei auf dem Tisch gedreht werden können, und so den Sound des Gerätes stetig verändern können. Mit Hilfe des Reactables ließe sich die Funktionsweise von Filtern, Amplifiern, Effekten, Modulatoren etc. auf visualisierte Art didaktisch vermitteln. Daher sollte dieses Gerät zur Grundausstattung einer jeden Musikhochschule gehören!

Doch auch ein Sorgenkind ließ sich auf der Musikmesse ausmachen, und damit schließt sich der Kreis. Seit einigen Jahren versuchen die Veranstalter auch den gesamten Musikbusinessbereich als »Biz« in die Messe zu integrieren. Dies ist, meines Erachtens, unumgänglich, denn die Branche benötigt einen gesamtwirtschaftlichen Auftritt. Leider, und dies war in diesem Jahr überdeutlich zu sehen und zu erleben, wird der mit orangefarbigen Teppich gekennzeichnete Biz-Bereich von zahlreichen Branchen des Musikbusiness kaum wahr- und angenommen. In einer Ecke der Halle 4.1., neben Bass- und Gitarrenherstellern, drängten sich nur wenige Stände, vornehmlich aus dem wachsenden privaten und staatlichen Ausbildungsbereich. Kleine Labels, geschweige denn große Majors, fanden sich überhaupt nicht. Auch, dass die Noten- und Buchverlage traditionell in Halle 3 unterkommen, und damit fußläufig zehn (am Besuchertag eher 30) Minuten entfernt sind, trägt nicht zu einer förderlichen Konzentration des Businessgedankens an einem Ort bei. Denn die Musikindustrie ist – was die Branchenevents angeht – schon seit Jahren zersplittert. Der Reigen wird im März mit der erst 2010 gegründeten Cebit Sounds in Hannover eröffnet. Im Juni folgt die c’n’b inkl. c/o pop in Köln, Anfang September dann die Mutter der Branchenevents, die popkomm in Berlin, die wie in jedem Jahr ums Überleben kämpft, und, last but not least, der ReeperbahnCampus inkl. Festival Ende September in Hamburg. Diese Zersplitterung tut der krisengeschüttelten Branche nicht gut, sie muss sich verstärkt konzentrieren und auf diese Art und Weise vernetzen. Neben den erwähnten Branchenmessen kommen schließlich noch die nach Genres getrennten ECHOs, die der Bundesverband Musikindustrie verleiht, hinzu. Diese ständige Aufsplitterung hat sicherlich ihren Sinn, Klassik, Jazz oder Rock/Pop besitzen andere Zielgruppen und haben zum Teil unterschiedliche Branchenvertreter. Was aber dringend notwendig wäre, ist ein Forum und Podium, auf dem sich einmal jährlich die Gesamtbranche treffen und umfassend darstellen könnte. Die Musikmesse in Frankfurt wäre schlicht und ergreifend einfach zeitlich und vor allem räumlich ein passender Ort in der – relativen – Mitte Deutschlands, auch Ausstellungsplatz ist noch reichlich vorhanden. Doch sollte man realistisch sein. Dies wird wohl in absehbarer Zeit nicht geschehen, zu viele unterschiedliche Interessen prallen hier noch immer aufeinander. Aber ein Anfang ist in diesem Jahr gemacht worden. Die diesjährige Musikmesse ist am 5. April mit der Verleihung des LEA, dem Preis der Veranstalterbranche, feierlich und dem Ereignis angemessen eröffnet worden. Der Umzug des PRG Live Entertainment Awards von Hamburg nach Frankfurt ist ein deutliches Zeichen in oben angesprochene Richtung – auch wenn es um den Preis für sein Lebenswerk an Marek Lieberberg im Nachhinein einen Miniskandal gab.

Die Messe in Frankfurt ist – und bleibt es wohl noch lange Zeit – ein wichtiger Fixpunkt der Musikbranche, zwar nicht aller Segmente, doch es bleibt die Hoffnung, dass sich die Messe über kurz oder lang zu einem unumgänglichen Standort für die gesamte Musikwirtschaft entwickeln wird. Zwischen dem 21. und dem 24. März 2012 wird man sehen können, wie sich die Musikmesse im kommenden Jahr aufstellen wird.

Dieser Artikel wurde am 13. Mai 2011 im Original veröffentlicht auf der Seite kulturmanagement.net

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