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Rückblick: Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung, 8. – 10. Juni 2011, Wien

14. Juni 2011

Bereits zum zweiten Mal trafen sich vom 8. bis zum 10. Juni 2011 in Wien eine international besetzte Runde aus Wissenschaftlern und Praktikern aus allen Bereichen der Musikwirtschaft zu den Vienna Music Business Research Days, die an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattfanden.

Standen die letztjährigen Tage der Musikwirtschaftsforschung noch unter den (noch immer) kontrovers diskutierten Oberthemen File-Sharing und Musik-Flatrate, widmeten sich die diesjährigen Musikwirtschaftstage neuen Modellen der Musikdistribution. Als hätten es die Veranstalter um Prof. Dr. Peter Tschmuck im Vorfeld gewusst, stellte Steve Jobs zwei Tage zuvor bei der alljährlichen Entwicklerkonferenz in San Fransisco Apples (kostenlose) iCloud und iTunes Match vor, die im Herbst in den USA, zu Beginn des Jahres 2012 auch in Europa nutzbar sein sollen. Die Cloud, obwohl nicht neu, sondern von zahlreichen Anbietern wie dropbox & Co seit Jahren angeboten, ist seit einigen Monaten in aller Munde, spätestens seit die großen Konzerne wie Amazon oder Google mit in das wolkige Geschäftsmodell eingestiegen sind. Dass Apple kontert, war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Innerhalb von Sekunden gingen am 6. Juni die Meldungen von der kostenlosen 5GB iCloud, in der musikalische Inhalte abgelegt und damit gestreamt werden können, um die Welt. Das Besitztum von Musik wird für viele damit irrelevant. Auch iTunes Match ist für die Musikwirtschaft von Interesse, zahlt doch der Nutzer ca. 25,- € pro Jahr, um seine iTunes Bibliothek auf einen qualitativ höherwertigen klanglichen Stand von 256 kbps AAC zu bringen – auch die Lieder, die zuvor möglicherweise illegal in iTunes geladen worden sind, wodurch die Musikindustrie im Nachhinein noch einmal Gelder für diese Tracks erhalten wird. Zwei Tage nach diesen interessant klingenden Ankündigungen hatte man in Wien vor der versammelten Fachwelt die Möglichkeit, auch dieses aktuelle Thema in den Fokus zu nehmen.

Am Abend des 8. Juni diskutierten Steffen Wicker (simfy.de), Alexander Hirschenhauser vom Dachverband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs – VTMÖ – und Prof. Dr. Peter Tschmuck das Thema „Is Streaming the Answer?“. Für Wicker, als einer der Gründer von simfy, das in Deutschland und anderen europäischen Ländern erfolgreich gestartet ist, war natürlich das Streamen von musikalischen Inhalten ein Modell, das in den kommenden Jahren stetig wachsende Bedeutung haben wird. Hingegen betonte Hirschenhauser die Bedeutung von qualitativ hochwertiger Musik, die über Streamingdienste und andere digitale Distribution kaum erreicht werden kann. Zudem ist der Aspekt der Bezahlung für Verlage, Labels und natürlich Künstlern bzw. Urhebern noch immer nicht relevant geklärt. Die Summen, die zum Teil von Streamingangeboten ausgeschüttert werden, rangieren im Mikrocent Bereich. Ein Überleben für Künstler sei dadurch kaum möglich – mit Ausnahme von Weltstars à la Lady Gaga, deren Lieder zigfach gestreamt werden. Wicker räumte dann auch ein, dass gut drei Viertel des simy-Angebotes bisher noch gar nicht gestreamt worden seien, ein Aspekt der gegen den schon oft diskutierten Long-Tail spricht.

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Patrik Wikstöm von der Jönköping International Business Scholl in Schweden. Wikström stellte eine Typologie von Musikdistributionsmodellen auf und zeigte dabei die umfassenden Veränderungen zwischen traditionellen Vertriebsmöglichkeiten und den seit gut zehn Jahren zahlreichen neu aufkommenden Onlinemusikdiensten auf.

Der Brite Will Page von PRS for Music befasste sich im Anschluss mit dem Thema: „Music Downloading and Streaming from a Collective Society’s Perspective.“ Dabei ging Page detailliert darauf ein, wie sich die Kaufgewohnheiten für Musik in Großbritannien im letzten Jahrzehnt verändert haben – und stellte dabei auch Vergleiche zu Deutschland und Österreich her. Zwar hat Deutschland Großbritannien 2010 als nach Umsätzen der Musikindustrie drittgrößte Musiknation abgelöst, schaut man sich jedoch den pro Kopf Vergleich an, so ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. Werden im United Kingdom 1,82 $ mit Aufführungsrechten, 5,68 $ mit digitaler und 15,05 $ mit physikalischer Distribution pro Kopf und Jahr ungesetzt, waren es in Deutschland nur 1,11 / 2,16 / 13,88 und in Österreich 1,54 / 2,09 / 11,31 (jeweils $). Eine deutliche Diskrepanz ist vor allem in der digitalen Distribution zu sehen. Hier stecke, so Page, noch großes Potential.

Auch stellte der Mitarbeiter von PRS for Music, der britischen Verwertungsgesellschaft, dar, dass es in den vergangenen Jahren immer mehr Festivals bei steigender Kapazität – und steigenden Preisen – gegeben habe. Interessant war ein Vergleich zwischen Durchschnittseinkommen und den Ausgaben für Musik pro Haushalt. Bei steigendem Wohlstand wurde in Großbritannien immer weniger Geld für Musik ausgegeben, dies änderte sich jedoch in der vergangenen Rezession, in der die Ausgaben für Musik wieder stiegen – jedoch bezog sich diese Steigerung ausschließlich auf den Live-Bereich.

Der Norweger Dagfinn Bach, Gründer und Inhaber von Bach Technology, zeigte einen Blick in die Zukunft, in eine Zeit, in der Traffic und Speicherplatz kaum noch etwas kosten – so denken viele. Denn Bach stellte detailliert dar, dass riesige Strommengen benötigt werden, wenn musikalische – und andere – Inhalte heruntergeladen oder gestreamt werden. Insbesondere vor der aktuellen (deutschen) Debatte um das Ende des Atomzeitalters und vermeintlich günstigen Stroms, ein nicht wegzudiskutierender Aspekt. Darüber hinaus zeigte Bach, einer der Entwickler des ersten Mp3-Players, die Zukunft der Komprimierungsstandards, die von Bach Technology entwickelte Music DNA, die eine bessere Kommunikation zwischen Musikdatei und Nutzer erlaubt. Dank Music DNA ist es möglich, ein Lied zu hören, gleichzeitig den Songtext zu lesen und ein Ticket für das kommende Konzert der Band zu erwerben. (interessante und detaillierte Infos zur Funktionsweise finden sich unter: www.musicdna.com).

Ein Interview mit Dagfinn Bach findet sich bei futurezone.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion ging es um die Frage, wie mit Musikdistribution noch Gewinn erzielt werden kann. Zu den bereits bekannten Diskutanten Steffen Wicker, Will Page und Dagfinn Bach gesellte sich noch David Bahanovich von der University of Hertfordshire, wo er einen Musikmanagement Studiengang leitet. Unter der Leitung von Manfred Tari (u.a. Musikmarkt) diskutierte die Runde vor allem Aspekte, wie Künstler von den neuen Modellen überhaupt profitieren können. Erneut stand das Geschäftsmodell vom simfy – das Unternehmen aus Köln hat mit allen großen und zahlreichen kleinen Labels Verträge abgeschlossen – im Fokus, das zum einen ein werbefinanziertes kostenloses sowie ein Abomodell anbietet. Letztlich konnte die im Raum stehende Frage, ob ca. 0,5 Cent, die pro Stream an Labels, Verlage und Künstler ausgeschüttert werden, ein fairer Preis sind, nicht hundertprozentig beantwortet werden. Noch braucht es zahlreiche Forschungen und ebenso viele mutige Versuche, um faire Distributionsmodelle zu entwickeln, denn dies benötigen die Urheber der Musik. Ohne eine vernünftige Honorierung ist die Gefahr groß, dass qualitativ hochwertige Musik nicht mehr in ausreichendem Maße produziert wird, eine Vorstellung, vor der sich noch viele immer verschließen!

Am letzten Tag fand noch eine Wiener Premiere statt. Sieben Nachwuchswissenschaftler aus Österreich, Deutschland, Großbritannien und Norwegen stellten beim ersten „Young Scholar’s Workshop“ ihre derzeitigen Forschungsarbeiten vor. Es ist und bleibt wichtig, dass die Organisatoren dafür einen ganzen Tag eingeräumt haben, denn in der Wissenschaft kommt der Nachwuchs, der gerade im kriselnden Musikbusiness von großer Bedeutung ist, oft zu kurz. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Workshops auch im kommenden Jahr bei den dritten Wiener Tagen für Musikwirtschaftsforschung fortgeführt werden, wie auch die ganze Veranstaltung, wenn sich ausreichend Geldgeber finden, diese wichtige wissenschaftliche Tagung zu unterstützen, um der Musikwirtschaft neue Impulse zu geben.

Weitere Infos: hier

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