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Nachbericht: 3. VMBRD

8. Juli 2012

Bereits zum dritten Mal fanden Ende Juni 2012 die Wiener Tage für Musikwirtschaftsforschung (VMBRD) statt. Dieses Jahr stand die informative und innovative Veranstaltung ganz im Zeichen der „New Music Consumption Behavior”, die die digitale Revolution in der Musikindustrie mit sich gebracht hat.

Eröffnet wurden die dritten VMBRD am 29. Juni aber zunächst mit einem umfangreichen und qualitativ hochwertigen Young Scholars’ Workshop. Neunzehn Jungakademiker aus sieben Ländern präsentierten höchst unterschiedliche Beiträge, die die gesamte Bandbreite der Musikwirtschaftsforschung widerspiegelten. Am Ende der Konferenz wurde dann erstmals der Best Paper Award verliehen, der von einer international besetzten Jury verliehen wurde. Als Preis winkt den glücklichen Gewinnern aus Hannover – Maike Engelmann, Lorenz Grünewald und Julia Heinrich – eine Veröffentlichung ihres Beitrages „The ‘artepreneur’: A model for future success and personal fulfillment for artists” im kürzlich erstmals erschienenen „International Journal of Music Business Research“.

Den ersten Konferenztag beschloss eine Podiumsdiskussion zwischen Joel Tenebaum und Robert Levine. Der US-amerikanische Student Tenenbaum ist in einem noch immer laufenden Gerichtsverfahren für den Tausch von 30 Musikdateien in einem Filesharing-Netzwerk zu einem Schadenersatz von US$ 675.000 verurteilt worden. Widerpart Tenenbaums war der frühere Herausgeber des Billboard Magazines und Autor des Buches “Free Ride. How Digital Parasites Are Destroying the Culture Business and How the Culture Business Can Fight Back”, Robert Levine. Geführt wurde die Diskussion von der Journalistin Sabine Nikolay mit Unterstützung von Konferenzmitorganisator Peter Tschmuck. Im Laufe des Abends entwickelte sich zwischen den Kontrahenten auf dem Podium ein spannender Schlagabtausch, bei dem die – teils bekannten – Argumente zum Thema Urheberrecht und Freiheit im Internets ausgetauscht wurden. Die Diskussion endete schließlich mit einem Aufruf, den Diskurs über das Urheberrecht und die Funktionsweise des Internets auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu führen und dabei eine Lösung zu erzielen, die die Interessen aller Beteiligten – private und kommerzielle Nutzer, Urheber und Rechtverwerter – berücksichtigt. Ob solch eine Lösung gefunden werden kann, wird erst die Zukunft weisen.

Der zweite Konferenztag wurde von Michael Huber, Universität für Musik und darstellende Kunst, eröffnet. Er präsentierte auf Grundlage einer 2009 in Auftrag gegebenen Studie, dass Musikhören für Musikhören zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten der Österreicher zählt. Fast die Hälfte der Befragten hört mehr als zwei Stunden lang Musik pro Tag, wobei die Hördauer bei den unter 30jährigen sowie bei den über 60jährigen überdurchschnittlich hoch ist. Es sind aber vor allem die unterschiedlichen Hörgewohnheiten der verschiedenen Altersgruppen, die ins Auge fallen. Während die „alten” Medien Radio, TV und Tonträger von allen Altergruppen in etwa gleich häufig genutzt werden, nutzen die unter 30jährigen den Computer, MP3-Player und Mobiltelefone signifikant öfter als ältere Befragte. Insgesamt zeigen die Ausführungen von Michael Huber, dass das Musikkonsumverhalten lediglich nach Altersgruppen und Bildungsniveau signifikante Unterschiede aufweist, wohingegen andere demografische Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht oder Einkommen ein untergeordnete Rolle spielen, um unterschiedliches Musiknutzungsverhalten zu erklären.

Im Anschluss präsentierten David Bahanovich und Dennis Collopy (University of Hertfordshire) aktuelle Ergebnisse für den Musikkonsum bei britischen Jugendlichen. Schon 2008 und 2009 haben Bahanovich und Collopy Zahlen dazu vorgelegt, doch die 2011er Ergebnisse brachten u.a. folgende Aussagen zu Tage:

a) Ein Großteil der Filesharer wäre bereit, auf die Tauschbörsennutzung zu verzichten, wenn es ein unlimitiertes All-you-can-eat Bezahl-Downloadservice gäbe.

b) Die Nutzung von kostenlosen Streamingservices ist unter den Jugendlichen sehr beliebt, allerdings sind nur 12 Prozent bereit, für ein werbefreies Premium-Abo zu bezahlen.

Festhalten lässt sich aber, dass der digitale Musikkonsum von Jugendlichen sehr komplex ist und daher keinen einfachen Erklärungsmustern folgt.

Am Beispiel der Berliner Clubszene, die in einem Forschungsprojekt des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover beleuchtet wurde, entwickelte anschließend Carsten Winter das Modell des Prosumers, wobei die Sphären des aktiven Musikschaffens und passiven Musikkonsums nicht mehr länger voneinander getrennt werden können. Jeder private Musiknutzer ist gleichzeitig auch Musik-Produzent und vice versa.

Ein breites Feld stellte Joel Waldfogel (University of Minnesota) dar, der zunächst auf das Problem von Filesharing und Musikabsatz einging, denn es existieren ganz unterschiedliche Studien zu dieser Thematik. Waldfogel ging aber in seinem anschaulichen und amüsanten Vortrag weit über diese ungelöste Frage hinaus und hinterfragte, ob und welche Wirkung das Filesharing auf die Veröffentlichung neuer Musikprodukte hat.

Rose-Marie Hunault stellte anschließend die Funktionsweise der französischen Behörde zu Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet HADOPI (Haute Autorité pour la diffusion des oeuvres et la protection des droits sur internet) dar, das als Mehrstufiges Warnmodell existiert. Seit Gründung der Behörde im Oktober 2010 wurden bis Anfang Juni 2012 insgesamt 1,09 Millionen erste Warnmails verschickt. Ein Großteil der Internet-Nutzer stellte daraufhin das widerrechtliche Verhalten ein. Dennoch mussten 99.000 Warnmails in der zweiten Stufe versandt werden. Schließlich verblieben noch 314 Inhaber von IP-Adressen, die einen eingeschriebenen Brief mit Strafandrohung erhielten, und nun mit Sanktionen rechnen müssen. Insgesamt zeigt, nach Ansicht von Hunault, das abgestufte Abmahnverfahren in Frankreich nicht nur Wirkung bei den Filesharern, die bei ihrem illegalen Treiben erwischt wurden, sondern auch bei allen anderen Internet-Usern, da das Filesharing-Volumen in Frankreich gemäß unterschiedlicher Studien zurück gegangen sei.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion zwischen Martin Kretschmer (University Bournemouth), dem britische Musikmanager und Konsulent der World Intellectual Property Rights Organization (WIPO) Peter Jenner, Rose-Marie Hunault und Harald Hanisch, bei der am Ende die Erkenntnis blieb, dass die Urheberrechtsdebatte keineswegs abgeschlossen sei und ein gesellschaftliche Diskurs darüber zu führen ist.

Ende Juni 2013 werden vom 21. bis 22. Juni die 4. Wiener Tage für Musikwirtschaftsforschung stattfinden – man darf gespannt sein!

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