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Vom Album auf die Bühne: Tabaluga – Oder: Ein kleiner grüner Drache erobert die Welt

15. August 2013

»Mit Tabaluga ist es uns gelungen, ein eigenes Genre der deutschen Musicalkultur zu schaffen. Der unglaubliche Erfolg zeigt uns, dass Menschen jeden Alters die charmante und positive Lebenseinstellung von Tabaluga lieben und miterleben wollen.«[1]

Dortmund, Westfalenhalle 1: Menschenmassen strömen an einem kalten Winterabend 2012 von den Parkplätzen Richtung Halle; kleine Menschen, sprich Kinder, mit grünen, selbstgebastelten Masken auf dem Kopf, ein passendes Kuscheltier unter dem Arm, Erwachsene, froh gelaunt, bekannte Melodien summend. Die Stimmung ist gut, alle sind gespannt, die Halle scheint ausverkauft. Aber was verursacht diesen abendlichen Menschenauflauf? Die amerikanische R&B-Queen Beyonce? Die Rolling Stones? Xavier Naidoo oder gar eine Re-Union der erfolgreichen britischen Boy-Band Take That? Letztlich war es Tabaluga, ein kleiner grüner Drache, der zum ersten Mal 1983 das Licht der Welt entdeckte und seitdem – mit etlichen zeitlichen Pausen – Kinder und Erwachsene gleichermaßen sowohl musikalisch (Alben) als auch szenisch (Tournee, Musical) erfreut. Mit der 2011/2012 durchgeführten Musical-Tournee unter dem Titel Tabaluga und die Zeichen der Zeit, die mehr als 370.000 Besucher anzog, ging nach nunmehr fast 30 Jahren die Ära des grünen Drachen zu Ende. Sein Geburtshelfer Peter Maffay und dessen Plattenfirma Sony Music machten publik, dass es keine weitere Veröffentlichung um die Figur Tabaluga herum geben werde – vielmehr werde eine internationale Vermarktung des vorhandenen Materials vorbereitet. Der jahrelange Erfolg und das gleichzeitige Ende dieser von Peter Schwenkow, der mit seinem Unternehmen Deutsche Entertainment AG (DEAG) die Tournee veranstaltete, als Musicalkultur bezeichneten Reihe ist daher Anlass, sich einmal genauer die Gründe für den Erfolg dieser Bühneninszenierung anzuschauen. Doch ist Tabaluga überhaupt ein Musical? Folgt die weitere Betrachtung einer kurzen Definition von Peter Wicke, dann kann diese Frage schon zu diesem frühen Zeitpunkt nur bejaht werden: »Musical: in den USA entstandene Gattung des musikalischen Unterhaltungstheaters in Form eines zumeist üppig ausgestatteten Bühnenstücks mit gesprochenen Dialogen, Gesang und Tanz.«[2]

Wie alles begann

Vor knapp 30 Jahren erdachten der frühere Schlager- nun Rocksänger Peter Maffay, der Kinderliedermacher Rolf Zuckowski, der viele Jahre mit Maffay eng zusammenarbeitende Textautor Gregor Rottschalk sowie – seit den neunziger Jahren – der Kinderbuchautor und Illustrator Helme Heine die ursprünglich für Kinder erdachte Figur eines kleinen grünen Drachens namens Tabaluga, die nach dreißig Jahren inzwischen aber auch viele erwachsene Menschen begeistert. Ursprünglich war 1983[3] von Maffay, der mit dieser Idee nach Schlager und Rock quasi seine dritte musikalische Karriere einläutete, nur ein einziges Konzeptalbum in Form eines Rockmärchens geplant, in dem der siebenjährige Tabaluga (wobei ein Drachenjahr einhundert Menschenjahren entspricht) von seinem Vater Tyrion auf eine lange Reise geschickt wird. Auf dem Album Tabaluga oder die Reise zur Vernunft (1983) begegnet er dem Mond und fabulösen Wesen, um am Ende auf die 200 Jahre alte Meeresschildkröte Nessaja zu treffen, die im tiefsten Inneren noch immer ein Kind geblieben ist. Von den insgesamt zwölf Stücken des Albums war der Abschlusssong Nessaja[4] mit der bekannten Textzeile »Ich wollte nie erwachsen sein, hab’ immer mich zur Wehr gesetzt«[5] mit Abstand der populärste – und prägt bis heute das musikalische Bild der gesamten Tabaluga Reihe. Nach dem – für viele vielleicht überraschend – großen Erfolg des Erstlings folgte drei Jahre später mit Tabaluga und das leuchtende Schweigen (1986) bereits das zweite Konzeptalbum, bestehend aus 13 Songs, das die bisherige Geschichte um Tabaluga und Tyrion konsequent weiterführte.

Mit Hilfe eines magischen Jadesteins wird Tabaluga, inzwischen deutlich älter und reifer geworden, zum Wanderer zwischen den Welten, wo er verschiedene, für Kinder oft neue Emotionen wie Eitelkeit, Neid, Hass, aber auch Abschied und Trauer (Tyrion stirbt, um Tabaluga zu retten) kennenlernt.

Danach vergingen sieben Jahre, in denen sich Maffay schwerpunktmäßig wieder anderen Projekten widmete und allein vier Alben veröffentlichte. Erst 1993, also zehn Jahre nach dem Erstling, erschien mit Tabaluga und Lilli das dritte konzeptionelle Album, bei dem die schöne Eisprinzessin Lilli und das Thema Liebe im Zentrum stand.

Zum ersten Mal nach einer Tabaluga Veröffentlichung – auch hervorgerufen durch den großen kommerziellen Erfolg des Albums – fand eine deutschlandweite, gleichnamige Tournee statt, bei der inhaltlich das Material des ersten und des dritten Albums, beginnend bei Tabalugas Geburt, sowohl musikalisch als auch szenisch umgesetzt wurde. Darsteller bei der von András Friscay Kali Son inszenierten Musical-Tournee Tabaluga und Lilli waren neben dem damals noch relativ unbekannten Schauspieler Rufus Beck als Magier, der seitdem jedoch fester Bestandteil des Teams ist, u.a. die Sänger Nino de Angelo (Jenseits von Eden) und Trio-Sänger Stephan Remmler (Da, da, da). Schon zu dieser Zeit setzte das Team um Maffay auf bekannte Persönlichkeiten der deutschen Musikszene, um mit Hilfe dieser ein größeres Medienecho zu generieren. Schließlich stellt Tabaluga nur eine fiktionale Figur dar, so dass die realen Stars[6] als Bindeglied zum Publikum fungieren – und bei deren zu konstatierender unterschiedlichen Zielgruppenansprache ein potentiell größeres Publikum anziehen.[7]

Grundlegend dasselbe Konzept von Tabaluga und Lilli, zunächst als Inszenierung für Kinder, institutionalisierten die Tabaluga-Macher schließlich 1999 als festes Musical im damals eigens dafür in Drachenkopfform gebauten TheatrO im CentrO Oberhausen (heute: Stage Metronom Theater). Im September 1999 öffnete sich erstmal der Vorhang zur knapp zwei Stunden dauernden Show, in der Tabaluga, Lilli und deren Widersacher Arktos, ein lebender Schneemann und Herrscher über die Eiswelt, den Kern der Geschichte bildeten. Doch waren die 1.800 Plätze des Musicaltheaters, die zehn Mal pro Woche gefüllt werden sollten, oft nur mäßig gefüllt, ein finanzielles Desaster bahnte sich für die Veranstalter an, schließlich sollte das Musical mindestens fünf Jahre bei geplant einer halben Million Besucher pro Jahr in Oberhausen zu sehen sein.[8] Und so entschloss man sich zu Beginn des Jahres 2001 das ursprünglich für Kinder konzeptionierte Musical für Erwachsene umzuarbeiten, um dadurch eine breitere Zielgruppe anzusprechen. Doch trotz inhaltlicher Veränderungen, der Streichung ganzer Songs sowie der optischen Auffrischung der Figuren samt Kostümen musste das Musical bereits Mitte 2001 seine Pforten endgültig schließen. Dabei war die Inszenierung aus technischer Sicht überaus modern. Das Theater bestand aus vier, von allen Plätzen komplett einsehbaren Bühnen, auf denen abwechselnd gespielt wurde. Eine moderne, an Rockmusiktourneen erinnernde Licht-, Laser- und Pyrotechnik sorgte für die visuelle Aufmerksamkeitslenkung der Zuschauer von einer Bühne zur nächsten. Nach fast zwei Jahrzehnten stetig wachsender Erfolge von Tabaluga musste der Drache erstmals einen Misserfolg verbuchen – womit sein Schicksal beinahe besiegelt worden wäre.

Doch schon zwei Jahre später präsentierte Maffay die Weitererzählung Tabaluga und das verschenkte Glück (2003), die sich diesmal um das Thema Schenken, Verschenken und Beschenktwerden dreht. Die bisher eingeführten Wesen (Nessaja, Lilli, Arktos usw.) tauchen erneut auf und geben der Geschichte somit einen bereits bekannten und damit funktionierenden Rahmen. Wie schon an das 1993er Album Tabaluga und Lilli schloss sich auch an das vierte Konzeptalbum eine explizit darauf basierende Musical-Tournee an, die diesmal Rufus Beck in Szene setzte. Neben ihm waren zudem Heinz Hoenig als Arktos, Udo Lindenberg (Sonderzug nach Pankow) oder Sissi Perlinger auf der Bühne zu sehen. Sichtbar wird dadurch die erneute Hinwendung der Veranstalter, bekannte Stars für die Show zu verpflichten, um – neben der Geschichte – auch durch hochkarätige Gäste, die in erster Linie den erwachsenen Besuchern bekannt sein dürften, durch große mediale Präsenz Publikum an die Show und das gesamte Tabaluga-Projekt zu binden.

Anschließend dauerte er jedoch acht Jahre, bis das definitiv letzte Album Tabaluga und die Zeichen der Zeit (2011) sowohl in die Plattenläden kam als auch ein Jahr später als Tournee mit 54 Terminen und annähernd 400.000 Besucher seinen erfolgreichen Abschluss fand.

Aus kommerzieller Sicht bedeutet die Tabaluga-Reihe bis heute: 1,2 Millionen Besucher, knapp fünf Millionen verkaufte Tonträger.[9] Nur wenige deutschsprachige Künstler können einen größeren Erfolg aufweisen. Zudem entstanden im Laufe der Jahre um die fünf Konzeptalben herum mit speziellen Auskopplungen sowie Sonderalben (Frohe Weihnachten mit Tabaluga, 2007) und Tourneen eine vollständige Tabaluga-Produktlinie (Bücher, DVDs, Hörspiele, TV-Serien etc.) und verdeutlicht damit noch einmal den bedeutenden kommerziellen Faktor des gesamten Projekts.

Tabaluga und die Zeichen der Zeit – Vom Album zum Musical

Im nun letzten Album Tabaluga und die Zeichen der Zeit versucht der grüne Drache nach den Themen Verlust und Liebe hinter das Geheimnis der Zeit zu kommen. Kurz zur Geschichte: Aus einen tiefen Schlaf gerissen, zerstört Tabaluga eines morgens seinen Wecker, aus dem ein verführerisches Mädchen springt: die Zeit. Tabaluga folgt ihr, doch sie entwischt ihm, und so begibt er sich infolgedessen auf eine neue, abenteuerliche Suche nach der Zeit und bittet jeden, den er trifft, um Rat und Hilfe. Zum Schluss bekommt er aber, einem Happyend ähnlich, seine innersten Wünsche erfüllt.

Im Folgenden wird nun der geschichtliche Aufbau des Albums anhand der auf der CD vorhandenen Titel sowie anschließend dessen visuelle Live-Umsetzung detaillierter betrachtet. Denn erstmals stand bei Tabaluga und die Zeichen der Zeit zunächst die Veröffentlichung der Albumproduktion im Fokus. Erst im Anschluss setzten sich die Verantwortlichen zusammen, um die Tournee zu kreieren. Bei den letzten Veröffentlichungen mit anschließendem Musical stand immer erst dieses im Fokus, das Album war somit nur eine Compilation der Live-Fassung.

Die sogenannte, dem Autor vorliegende Premium Edition besteht dabei aus drei Tonträgern: Die erste CD mit ihren 20 Tracks präsentiert die gesamte Tabaluga-Geschichte, inklusive verbindenden Erzählungen zwischen den Liedern. Auf der zweiten CD sind hingegen ausschließlich die elf Songs veröffentlicht. Als Bonus liegt dem aufwändig als Digipack gestalteten Package noch eine DVD samt Dokumentation, Interviews und einem Making-of bei.

Zunächst Grundlegendes zum Album: Sämtliche Liedtexte sowie die Zwischenerzählungen stammen von Tabaluga-Miterfinder Gregor Rottschalk. Als musikalische Urheber nennt das Booklet hingegen mehrere Personen. Für die meisten Kompositionen zeichnen Karin Schröder und Rupert Keplinger verantwortlich, aber auch Mitglieder der Peter Maffay Band – Peter Keller, Pascal Kravetz – steuerten Titel bei. Peter Maffay selbst, der nach Außen als weithin sichtbarer Hauptprotagonist für die gesamte Tabaluga-Projektreihe steht, komponierte hingegen nur den hymnischen Abschlusssong Alles im Leben hat seine Zeit. »Meine Hauptaufgabe«, so Maffay in einem Interview, »ist das Singen. In dem Fall bin ich nur Diener des Konzeptes Tabaluga. Ich kann meine Popularität nutzen, um der Figur, den Werten, für die sie steht, eine Plattform zu geben. Wenn man so will, bin ich eigentlich Spediteur. Ich fahre einen Lkw und im Innern sind Tabaluga und Arktos, Inhalte, Geschichten und Zeichnungen. Ich singe Stücke anderer Komponisten, die Musik anders auffassen und andere Stücke schreiben, als ich das könnte. So wird die Platte viel lebendiger. Wäre es eine eigene CD, müssten die Songs biografischer sein.«[10] Dies auch vor dem Hintergrund ungewöhnlich, da die Vielzahl der Musicals meistens mit ihren Komponisten identifiziert werden – die hier jedoch eher in den Hintergrund treten.[11]

Das Album beginnt mit dem knapp einminütigen, klassisch arrangierten Präludium in C von Peter Hinderthür, in dem der Erzähler (Gregor Rottschalk) zunächst in die Geschichte mit ihren Hauptprotagonisten Arktos und Tabaluga einführt. Die anschließende Ouvertüre ist formal an eine oftmals in Operetten gebräuchliche Potpourri-Ouvertüre angelehnt. In kurzem Wechsel werden die wichtigsten Themen des Albums, jedoch hier in orchestralem Gewand, angeführt, wobei das bereits aus der ersten Tabaluga-Produktion bekannte Nessaja diese Einleitung beendet und damit gleichzeitig auch den Kreis zum Beginn der Reihe von vor 30 Jahren schließt.

Die folgenden elf Titel bergen eine stilistische Vielfalt populärer musikalischer Genres und Strömungen in sich, ein weiter Bogen von Rock, über Reggae bis hin zu Ska.

Bevor der Eröffnungssong Alt wie ein Stein[12] beginnt, hört Tabaluga eine tiefe, dunkle Stimme, die dem grünen Drachen das Thema Zeit näherbringt. Auf der Suche nach der Quelle der Stimme entdeckt er, dass diese von einem großen Stein stammt. Das folgende Lied wird daher aus der Sicht des Steins interpretiert, der inhaltlich über die Zeit bzw. vermeintliche Unendlichkeit philosophiert, denn ein Stein existiere zwar über einen langen Zeitraum, doch werde auch er zum Schluss vergehen, was durch die Textzeilen »Was von mir übrig bleibt, ist winzig klein. Ein Korn in der Sanduhr dieses Lebens. Dreht sie um – und sucht nach mir vergebens« zum Ausdruck kommt. Musikalisch ist der Song in einem seit einigen Jahren für Maffay typischen Rockidiom gehalten. Verzerrte und solistisch gespielte E-Gitarren sowie ein treibendes Schlagzeug sind die charakterisierenden Elemente des Liedes.

Nachdem Tabaluga noch über das Gesagte des Steins nachdenkt, belästigt ihn eine laut summende Fliege. Im folgenden, im Rockidiom gehaltenen Lied Die Eintagsfliege[13] wird das kurze aber intensive Leben eben dieser Fliegenart geschildert. Während die Strophen mit einem lässig wirkenden Shuffle rhythmisch gestaltet sind, besticht der Refrain durch einen, das kurze und vergängliche Fliegenleben charakterisierend, schnellen Off-Beat. Der ganze Song spielt dabei mit abrupten Wechseln zwischen Strophe und Refrain, die das kurze, intensive aber hektische Leben einer Eintagsfliege veranschaulichen sollen – bevor der erstmals auftretende Arktos ihr ohnehin schon kurzes Leben mit einer Klatsche schlagartig beendet.

Der im Anschluss auftretende Gutgelaunte Fremde[14] entpuppt sich – passend zum zeitigen Lebensende der Fliege – als entspannt wirkender Gevatter Tod, der musikalisch mit Elementen wie Kazoo als fröhlich-ironische Kreatur dargestellt wird, womit er damit im Kontrast zur althergebrachten Darstellung des Todes als Knochenmann mit Sense steht.

Auch den König der Tiere sucht Tabaluga bei seiner Abenteuerreise auf, der in Time is Money[15] seine Sichtweise zur Zeit preisgibt. Musikalisch charakterisierende Elemente sind ein durchgehender Ska-Rhythmus und die für diese Stilistik typischen Bläsereinwürfe, die Strophen werden im Sprechgesang intoniert. Nachdem bisher alle Titel schnelle Grundtempi aufwiesen, schließt sich mit Ich hatte keine Zeit für Dich[16] eine erste Ballade an, während der Tabaluga von seinem verstorbenen Vater Tyrion träumt, der selbstkritisch über sein früheres Verhältnis zu seinem Sohn singt. Musikalisch interessant ist die das Stück beendende Coda gestaltet. War Peter Maffays Gesang bisher meist solistisch, wird dieser nun mit einem gemischten Hintergrundchor verstärkt, um die Aussage der Zeilen »Im Leben, nein, bereu’ ich nichts, was immer ich auch tat. Nie verlor ich mein Gesicht, war aufrecht, stolz und grad. Doch eines will und kann ich mir niemals je verzeihn. Ich ließ dich allzu oft allein, ich hatte keine Zeit für dich« zu unterstreichen.

Nach diesem Traum bricht Tabaluga erneut auf und entdeckt revoltierende Grünländer, die Arktos zur Abschaffung der Zeit aufgerufen hatte. Der Song Revolution[17] – im Vorfeld sind deutliche Anspielungen an die Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989 hörbar (»Wir sind die Zeit«) – beginnt mit sogenannten Power-Chords und den Refrain dominieren verzerrte Gitarren. Aufgelockert wird dieser brachial wirkende Song nur durch den Einsatz verschiedener Sprechstimmen mit revolutionären Zeilen in den Strophen. Nachdem Arktos mit seiner angestachelten Revolte jedoch keinen Erfolg verbuchen konnte, treffen er und Tabaluga die Vier Jahreszeiten[18], die, beginnend mit dem Herbst, erzählen, dass sie, so unterschiedlich sie auch sein mögen, nur als gemeinsame Einheit existieren können – wobei jede Jahrzeit eine eigene, musikalisch charakterisierende Strophe erhält. Das mit dem im Reggae-Stil arrangierten Sommer endende Lied ist jedoch – in Bezug auf die besungenen Temperaturen – zuviel für »seine Eisfaltigkeit« Arktos, doch trotz ihrer verbindenden Abneigung rettet Tabaluga seinen Geliebten Feind[19] und ehrt ihn und ihre Gemeinsamkeiten mit der gleichnamigen Rocknummer.

Auf einem, mit orientalischer Musik untermalten Basar entdeckt Tabaluga schließlich einen Händler, der ihm eine Uhr mit einem 13-stündigen Ziffernblatt verkaufen möchte. Zwar glaubt der Drache nicht den fadenscheinigen Versprechen des Händlers, doch erläutert dieser mit einer fast hypnotisch wirkenden Songausgestaltung ausführlich die Vorzüge der Wunderuhr[20]: »Statt zwölf sind 13 Stunden auf diesem goldenen Ziffernblatt. Das heißt, zwei Stunden mehr as vierundzwanzig, die du dann zu leben hast.« Davon angesprochen widersteht Tabaluga nur knapp der Versuchung sie zu erwerben, denn der orientalische Händler entpuppt sich als der geliebte Feind Arktos. Daraufhin platzt der Kauf und Tabaluga sucht lieber einen Teppichhändler auf, der ihm ein geknüpftes Schmuckstück verkaufen möchte, aus dem die lang gesuchte Zeit auftaucht und Tabaluga seinen größten Wunsch erfüllt: ein Wiedersehen mit seiner verloren geglaubten Liebe Lilli. Mit Die Zeit hält nur in Träumen an[21] schrieb Pascal Kravetz für diesen gleichzeitigen Abschluss- und Höhepunkt ein gefühlvolles, rhythmisch tanzendes Duett zwischen Tabaluga und Lilli, in dem sie den Drachen beschwört, sein Leben nicht zu verträumen, sondern mit Taten voranzuschreiten: »Doch verträume nicht dein Leben, lebe deinen Traum, […] ein Träumer schafft das kaum«. Eng umschlungen beendet sie ihren Tanz und Tabaluga erkennt, dass das wichtigste Element im Leben die Liebe ist.

Und noch ist das Album nicht ganz vorbei, Lilli verwandelt sich wieder zur Zeit und mit Alles im Leben hat seine Zeit[22], dem einzigen von Peter Maffay geschriebenen Song, eine Hymne an das Leben und die Zeit, wobei sowohl textlich »Denn er ist die Kraft und die Ewigkeit« als auch musikalisch mit quasi-religiösen Elementen gearbeitet wird.

Umsetzung des Albums als Musical 

Die Bühne

Bevor auf die musikalisch-kreative Umsetzung des Albums eingegangen wird, muss ein Blick auf den Aufbau und Struktur der Bühne geworfen werden. Schließlich war Tabaluga und die Zeichen der Zeit nicht – wie es bei derzeit den meisten in Deutschland gastierenden Musicals üblich ist – an einem Ort fest installiert, sondern reiste über mehrere Monate durch zahlreiche deutsche Städte, wo an einem bis zu drei Tagen zwei Vorstellungen am Tag veranstaltet wurden. Aufgrund dessen musste die transportable Bühne ganz andere Anforderungen erfüllen, als die eines festen Hauses. Durch den mehrfachen Auf- und Abbau verzichteten die Designer auf übermäßigen Aufwand in Bezug auf Bühnenbild[23] und Technik – ohne auf eine anspruchsvolle Show zu verzichten. Diesen Spagat schafften die Verantwortlichen auf der einen Seite durch ein begrenztes Bühnenbild, auf der anderen durch aufwändige Lichttechnik und die Fokussierung auf auffällige Kostüme. Durch diesen relativen Minimalismus gelang es, den Fokus der Besucher konzentriert auf die Geschichte und die einzelnen Figuren zu lenken.

Der Aufbau der Bühne sah wie folgt aus: An eine Hauptbühne mit zwei Ebenen – Auf- und Abgänge waren über zwei Treppen rechts und links möglich – schloss direkt ein ca. 30 Meter, weit in den Zuschauerraum hineinreichender Steg an, der vorne mit einer quadratischen, um 45 Grad gedrehten Vorderbühne endete. Zudem waren kleinere Nebenbühnen im Zuschauerraum verteilt. Diese Nebenbühnen hatten die Aufgabe – wie zu sehen sein wird – im Laufe der fast dreistündigen Handlung, den Sicht- und Aufmerksamkeitsfokus der Zuschauer zu lenken, um auf der Hauptbühne Umbauten realisieren zu können. Begrenzt wurde die Bühne hinten mit einer vollständig beleuchtbaren Leinwand, vor der die Peter Maffay Band platziert wurde.

Auffällig ist, dass die gesamte Show ohne große Bühnenelemente auskommt, vielmehr stehen die Figuren – oftmals dargestellt durch Tänzer in auffällig gestalteten Kostümen – sowie die einzelnen Sänger und Musiker im Fokus des Geschehens. In Bezug auf Bühnenelemente bleibt die Bühne zumeist leer – was sicherlich auch der Transportabilität der gesamten Bühne geschuldet ist.

Die Show

Eröffnet wird die Show durch den Magier (Rufus Beck), der diese Rolle bereits bei den vorherigen Live-Tourneen von Tabaluga gespielt hatte und fungiert im weiteren Verlauf als Geschichtenerzähler, der die Handlung erklärt und in neue Richtungen lenkt sowie als Gesprächspartner und Widerpart von Tabaluga[24]. Schon hier weicht die Bühnenversion vom Album ab, wo der Erzähler Gregor Rottschalk aus dem Off die Geschichte weiterbringt.

Während der anschließenden Ouvertüre in C bauen die Bewohner von Grünland eine große Uhr – eines der wenigern temporären Bühnenelemente – die Tabaluga beim Erwachen zerstört. Ein Zwiegespräch mit dem Magier schließt sich an, bevor, untermalt von einem klassisch mit Streichern und Harfe arrangierten Motiv, die Zeit erscheint. Diese wird als Primaballerina eingeführt und fungiert im weiteren Verlauf – sowohl musikalisch als auch als szenisch – als Ende des 16. Jahrhunderts in der italienischen Oper aufkommendes Intermezzo, als tänzerisch-musikalisches Zwischenspiel.

Bis hierhin liegt der Fokus auf Tabaluga, dem Magier und der Zeit. Acht Minuten sind vergangen, bis auf der Vorderbühne eine Blüte erscheint, aus der Peter Maffay entsteigt und den ersten Song (Alt wie ein Stein) performt, nachdem Tabaluga kurz mit dem Stein (als großer Block auf der oberen Ebene der Hauptbühne dargestellt) gesprochen hat.

Im weiteren Verlauf folgt die Live-Version zunächst der aus dem Album bekannten Reihenfolge. Nach dem Stein erscheint die Eintagsfliege, die – umringt von zahlreichen Tänzern in Fliegenkostümen – den dazugehörigen Song präsentiert. Und wie auf dem Album ist das Ende des Liedes der gleichzeitige Auftritt von Arktos (Heinz Hoenig), der die Fliege zerquetscht – bevor erneut die tanzende Zeit erscheint. Dieses erneute Intermezzo wird für einen inhaltlichen Wechsel, als Break genutzt, da anschließend der Tod als gutgelaunter Fremde auf der Bühne erscheint – während tanzende Grabträger die Eintagsfliege von der Bühne tragen. In dieser Szene wird ein wichtiges Prinzip der Show sichtbar, denn die Inszenierung lebt zu einem nicht unerheblichen Teil auch davon, dass verschiedene Stars aus der Pop-, Rock-, Schlager- und klassischen Musik als Gäste auftreten. Dazu Peter Maffay: »Ich bin sehr glücklich über die Zusammensetzung unserer bunten ›Zirkustruppe‹. Wir haben ja nicht gecastet, sondern manche sind einfach aus Neugier zu uns gestoßen, andere haben wir uns gewünscht, weil sie einfach ideal für die jeweilige Rolle sind. Herausgekommen ist eine Gruppe von Freunden und Kollegen, die aus Spaß an der Sache dabei sind und sich obendrein noch sehr viel Arbeit damit machen.«[25] Wie schon erwähnt, dienen die Stars vor allem als Zugpferd für die Ansprache ganz unterschiedlicher Zielgruppen, um Tabaluga auch dort zu verankern. Durch die Mischung aus festem Ensemble und populären Gästen, die oftmals nur an einem Tourneeort auftreten, erhalten die Besucher einen Mehrwert, da im Vorfeld nicht darüber informiert worden war, welche Gäste an welchem Tag auftreten und – quasi als Zugabe – neben dem Kernprodukt Tabaluga auch noch weitere bekannte deutsche Musikstars live erleben können.

Auf der DVD, die in der Festhalle in Frankfurt am Main aufgezeichnet worden ist, übernimmt die Rolle des Todes der Graf, Sänger der deutschsprachigen Band Unheilig.[26] Da dieser bei Konzerten seiner Band Unheilig stets im schwarzen Anzug mit langem Jackett auftritt, ist eine zusätzliche Kostümierung hier nicht notwendig. Nach ihm tritt erneut die Zeit auf, bevor mit Nullachtfünfzehn, dem Helfer von Arktos, eine weitere, bereits bei den vorherigen Tourneen auftretende Figur eingeführt wird. Vor dem daran direkt anschließenden Song Time is Money und dem Auftritt des Königs werden – vor dem Hintergrund der noch immer aktuellen Finanzkrise – vom Magier und Tabaluga Aspekte des aktuellen Geldverkehrs angeprangert. Hier wird deutlich, dass sich diese Zwischenspiele oftmals eher an ein erwachsenes Publikum richten, denn die Geldsackträger sind grüne Wesen, die sicherlich nicht absichtslos an Heuschrecken erinnern sollen. Zudem sind die Bewacher des Geldes als Ratten symbolisiert. Das Musical versucht dabei stets – exemplarisch an dieser Szene – zwischen den beiden Hauptbesuchergruppen einen szenischen Ausgleich zu schaffen. Manche, zwischen den Liedern stattfindenden Zwischenspielszenen orientieren sich eher an Kinder, andere – wie gerade dargestellt – an Erwachsene, wodurch beide Gruppen während der über dreistündigen Show ihre eigenen, zielgruppengerechten Inhalte finden. Der Song selbst wird von zwei Bandmitgliedern (Peter Keller als König, Pascal Kravetz als Panther) auf der Vorderbühne aufgeführt.

Der folgende Titel ist zwar nicht auf dem Album vorhanden, zugleich aber auch nicht neu, denn schon bei der Tournee Tabaluga und das verschenkte Glück (2003) war das Lied Dafür sind Freunde da im Programm und avancierte damals nach Nessaja zur zweiten Hymne der gesamten Reihe. Konsequenterweise steht dieser rückblickende Song nun in der Mitte der ersten Hälfte und ist aufgrund seines balladesken Charakters ein erster Ruhepol der gesamten Show. Dies wird auch dadurch erreicht, dass zunächst einige Musiker (Pascal Kravetz, Carl Carlton und Peter Maffay[27]) mit Akustikgitarren auf der Vorderbühne erscheinen und von einem weiteren Gast, Laith Al-Deen, gesanglich unterstützt werden. Zudem findet bei diesem Song kein weiteres Bühnengeschehen statt, wodurch sich die gesamte Szene auf den auf der Vorderbühne stattfindenden Auftritt fokussiert.

Dieses bewusste erste Innehalten mit einem bereits seit 2003 bekannten Lied, auch nachdem die Handlung bis dato in schnellem Tempo vorgetragen worden war, leitet in Bezug auf die nun aufgebaute Stimmung zum Auftritt von Tabalugas verstorbenem Vater Tyrion über, der Tabaluga im Traum begegnet. Dabei wird Tyrion von Peter Maffay – dem »Vater« der gesamten Geschichte – interpretiert, der gemeinsam mit Tabaluga alleine auf der Vorderbühne steht. Maffays direkte Nähe zum Publikum – aber auch zu Tabaluga – hebt diesen ersten emotionalen Höhepunkt der Geschichte, der einen Rückblick auf fast 30 Jahre Tabaluga offenbart, bewusst heraus, der jedoch von einem abrupten Übergang, der von Arktos angezettelten Revolution – unterlegt mit brachial wirkenden Power-Chords – beendet wird.

Erneut wird die Handlung durch eine zusätzliche Szene erweitert. Ein Zebra in dicken Ketten, das auf dem Album nur einen kurzen Zwischenauftritt hat, tritt nun ausführlicher in Erscheinung, erläutert den Grund für die Häftlingsausstattung – es hat als Pferd verkleidet an einem Rennen teilgenommen – und singt den musikalisch im Country-Stil gehaltenen Song Unter falscher Flagge, das durch die als Pferde verkleidete Tänzerinnen sehr plakativ inszeniert wird. Auch der anschließende, zur Pause hinleitende Auftritt der vier Jahreszeiten unterscheidet sich vom Album. Zwar ist der Refrain musikalisch identisch, doch sind die Strophen noch einmal mehr den differenzierten Charakteren der verschiedenen Jahreszeiten angepasst worden. Kurz vor der Pause wird das Publikum vom gesamten Ensemble zum Mitsingen des Sommers animiert, der hier zu erwartende Song Der geliebte Feind entfällt zunächst.

Nach der Pause findet sich Tabaluga zunächst auf einem Basar wieder, wobei die Szene wird mit orientalischen Klängen (u.a. mit Tabla), Feuerspuckern, Messerspielen und Akrobatik eingeführt wird. Der Song Wunderuhr wird von einem Fuchs gesungen, der von Arktos mittels Fernbedienung gesteuert wird. Auch hier ist ein Bruch zum Album zu finden, wo sich der Schneekönig hinter der Fassade des Händlers versteckt hielt. Erst anschließend wird Der geliebte Feind interpretiert.

Hatten Album und Musical bis hierin fast den identischen Ablauf, werden im folgenden Verlauf allein fünf neue Lieder eingeführt, die die Handlung noch einmal erweitern. Zunächst erhalten Arktos und Nullachtfünfzehn im Song Tiefgekühlt[28] noch einmal szenischen Raum, bevor sich die Handlung – vom Ablauf nicht ganz schlüssig – wieder in den Orient verlagert. In einem Harem trifft Tabaluga die Kameliendame (gespielt von Uwe Ochsenknecht), die sich dem grünen Drachen als »schönster Zeitvertreib« anbietet. Im orientalisch arrangierten Titel Die Kameliendame[29] versucht er/sie Tabaluga zu umgarnen, der auf diese sehr direkten Avancen jedoch nicht eingeht. Erneut erscheint die Band – in orientalischen Umhängen – auf der Vorderbühne. Die anschließende Szene zwischen Hasen und Schnecke[30] ist eine bewusste Reminiszenz an den jeweiligen Auftrittsort, da die Hasen im jeweils passenden Fußballtrikot auftreten. Die in bunten Farben und mit Reggae-Rhythmus eingeführte Schnecke wirkt hingegen ein wenig ›bekifft‹, eine Anspielung an die gegenüber der Karibik herrschenden Vorurteile.

Das anschließende Intermezzo zwischen Tabaluga und Peter Maffay, quasi zwischen Vater und Kind, leitet zur autobiografischen Ballade Feuer und Liebe[31] über. Ohne weiteres Zwischenspiel folgt der Zeitverschwender[32] als jugendlich wirkende HipHop-Version. Der Kuckuck wiederum ist eine bereits bekannte Figur, die erstmals 2003 bei Tabaluga und das verschenkte Glück ihre Bühnenpremiere hatte.

Erst im letzten Fünftel schwenkt die Bühnenhandlung wieder auf die bekannte Reihenfolge des Albums zurück. Ein Teppichhändler will Tabaluga ein geknüpftes Stück verkaufen, aus dem die Zeit bzw. Lilly auftaucht. Diese wird auf der Tournee von Mandy Capristo (Ex-Monrose) gespielt und singt das Duett mit Peter Maffay auf der Vorderbühne.

Letztlich beendet der Magier mit einem Gespräch mit Tabaluga, wo sie das Geschehene reflektieren, die Handlung, was zum offiziellen Abschlusssong Alles im Leben hat seine Zeit überleitet. Nach und nach treten alle beteiligten Sänger und Tänzer auf und die Szene mündet in einem typischen Showende, bei dem alle Mitwirkenden vorgestellt werden, womit der – inklusive Pause – knapp vierstündige Abend vorbei sein könnte; ist er aber nicht.

Denn als krönender Abschluss, bzw. als Zugabe, steht noch einmal die heimliche Tabaluga-Hymne Nessaja, auf dem Programm, die von der gesamten Band auf der vorderen Bühne gespielt wird und damit den Kreis vom ersten Tabaluga-Album zur Abschlusstournee schließt. Deutlich wird zum Abschluss der Show, dass die für die meisten Musicals geltenden Regeln befolgt wurden: »Die wichtigste Aufgabe einer Partitur war ihre Zugänglichkeit und Verständlichkeit bei einem breiten Publikum. Rein musikalische Gesichtspunkte waren den gewichtigeren dramatischen untergeordnet. Die musikalische Sprache sollte dem Thema angemessen sein und in punkto Komplexität oder Neuheit die Aufnahmebereitschaft des anvisierten Publikums nicht überschreiten.«[33] Genau dies hat Tabaluga und die Zeichen der Zeit erreicht.

 

Fazit 

Was abschließend bleibt ist die Frage, was Tabaluga eigentlich ist. Konzert oder Musical? Während der Vorstellung, egal ob live oder auf DVD, sind bei Tabaluga und die Zeichen der Zeit fließende Grenzen zwischen Musical und Rockkonzert erkennbar. Zunächst einmal sind alle, ein Musical charakterisierenden Elemente vorhanden: Wie die meisten Musicals ist auch Tabaluga – durch die Pause getrennt – zweiaktig, Text, Gesang, Spiel-, Dialog und Tanzszenen verschmelzen zu einer Einheit und ergeben eine zusammenhängende Geschichte. Bezüglich der eingesetzten Instrumentierung geht Tabaluga aber eindeutig, bis auf wenige orchestrale Ausnahmen (Ouvertüre, die musikalische Darstellung der imaginären Figur Zeit), in Richtung Rockmusical, die spätestens Ende der 1960er Jahre vor allem in den USA aufkamen und mit Hair oder der Rocky Horror Picture Show in Verbindung gebracht werden. Andererseits arbeitet die Mehrheit der aktuell aufgeführten Musicals wie König der Löwen, Ich war noch niemals in New York oder Hinter dem Horizont mit Elementen populärer Musikströmungen. Anders jedoch, als bei vielen populären Rockmusicals seit den 1970er Jahren, die in der Regel durchkomponiert sind, setzt Tabaluga auf das altbewährte Prinzip der Opéra comique und bringt mit zwischen den einzelnen Nummern gesprochenen Dialogen die Geschichte des Musicals voran.

In Bezug auf die Grenze zum Rockkonzert fällt jedoch auf, dass die (Begleit-)Musiker der Peter Maffay Band bei der Inszenierung immer wieder bewusst im Zentrum der Handlung stehen, sie übernehmen Spiel- aber auch Gesangsrollen und agieren mit den diversen Protagonisten aus der Geschichte. Im Vergleich zu anderen Musicals ist dies überaus unüblich, wo die Musiker meist unsichtbar hinter der Bühne (z.B. Starlight Express) oder maximal seitlich oder vor der Bühne platziert sind und keine weitere Funktion übernehmen.

In Bezug auf die zuvor veröffentlichte Albumproduktion weicht die Musical-Inszenierung zu Beginn nur in wenigen Details ab. Verbindende Sprechsequenzen werden ausgeweitet und Dialoge leicht variiert, der Ablauf der Handlung samt der Reihenfolge der Lieder bleibt aber in der ersten Hälfte (bis auf eine Ausnahme) nah am originären Album. Erst nach der Pause wird die Geschichte durch die Hinzunahme weiterer Lieder und Spielsequenzen erweitert, zum einen, um auf eine für Musicals charakteristische Gesamtlänge zu kommen, andererseits, um weitere Figuren, die zu einem gewissen Teil mit bekannten Gästen/Stars besetzt sind, in die Handlung einzuführen.

Typisch für die Tabaluga-Reihe ist bei der Live-Fassung der ständige Wechsel von Stimmungen und Emotionen, sowohl für Kinder (für die die Ursprungsgeschichte eigentlich entworfen worden war) als auch für Erwachsene (die mit Tabaluga dreißig Jahre mitgealtert sind) werden einzelne Elemente, Szene oder Lieder präsentiert und bewirken, dass Tabaluga als generationsübergreifendes und -verbindendes Projekt betrachtet werden kann.


[1] Peter Schwenkow, zitiert nach: Diersch, Verena: 370.000 Besucher kamen zur »Tabaluga und die Zeichen der Zeit«-Tour, in: Musikmarkt.de. Abrufbar unter: http://www.musikmarkt.de/Aktuell/News/370.000-Besucher-kamen-zur-Tabaluga-und-die-Zeichen-der-Zeit-Tour, 22.5.2013.

[2] Peter Wicke, Wieland Ziegenrücker, Kai-Erik Ziegenrücker: Musical. In: dies. (Hrsg.) Handbuch der populären Musik, Mainz 2007, S. 465.

[3] Interessanter Weise beginnt genau in diesem Jahr laut Dirk Böttger eine für Deutschland neue Zeitrechnung des Musicals. »An diesem Tag [24. September 1983, Anm. ML] findet im Ronacher-Theater […] die offizielle deutsche Premiere von Andrew Lloyd-Webbers ›Cats‹ statt. Als die Produktion 1988 ins Operettenhaus an der Reeperbahn in Hamburg umsiedelt, ahnt keiner, welche Laufzeit von bisher in Deutschland noch nicht dagewesener Dauer sie erzielen wird.« Dirk Böttger: Das Musikalische Theater, Düsseldorf 2002, S. 712.

[4] Den Titel Nessaja koppelte Maffay auch als Single aus. Er ist bis heute mehrfach von verschiedenen Künstlern (u.a. von der deutschen Technoband Scooter) gecovert worden – womit sie gar Platz Nr. 1 in den deutschen Charts erreichten.

[5] Nessaja (1983), M: Peter Maffay; T: Rolf Zuckowski.

[6] Als Gäste traten bei der Tournee Julia Neigel, Sissi Perlinger, Uwe Ochsenknecht, Barbara Schöneberger, Der Graf, Helene Fischer, Laith Al-Deen, Sasha, David Garett, Tim Bendzko und Ray Garvey auf.

[7] Vgl. zum Aspekt Star-Nutzung Katrin Keller: Der Star und seine Nutzer. Starkult und Identität in der Mediengesellschaft, Bielefeld 2008.

[8] Laut eines Berichts des Spiegel machte das Musical bereits im ersten Geschäftsjahr 1999 24 Mio. Mark Verlust. Vgl. Hans-Jürgen Jakobs, Felix Kurz: Harte Bandagen. In: Der Spiegel 28, 2000, S. 90-91. (hier: S. 91).

[9] Vgl. N.N.: Peter Maffay und Tabaluga LIVE. Tabaluga und die Zeichen der Zeit. Programmheft zur Tournee, o.O. 2011, S. 6.

[10] Peter Maffay, zitiert nach einem Interview von Matthias Düngelhoff: Peter Maffay – zwischen Tattoo und Tabaluga. In: http://www.derwesten.de, 7. April 2011, abrufbar unter: http://www.derwesten.de/panorama/wochenende/peter-maffay-zwischen-tattoo-und-tabaluga-id4515525.html, 8. Juni 2013.

[11] Vgl. dazu Kim H. Kowalke: Das Goldene Zeitalter des Musicals. In: Armin Geraths / Christian Martin Schmidt (Hrsg): Musical, Laaber 2002, S. 138-178 (hier: S. 171).

[12] Alt wie ein Stein, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Karin Schröder, Rupert Keplinger.

[13] Die Eintagsfliege, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Karin Schröder, Rupert Keplinger.

[14] Der Gutgelaunte Fremde, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Karin Schröder, Rupert Keplinger.

[15] Time is Money, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Peter Keller.

[16] Ich hatte keine Zeit für dich, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Bertram Engel.

[17] Revolution, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Peter Keller, Karin Schröder.

[18] Die Vier Jahreszeiten, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Karin Schröder, Rupert Keplinger.

[19] Der Geliebte Feind, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Karin Schröder, Rupert Keplinger.

[20] Die Wunderuhr, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Ken Taylor.

[21] Die Zeit hält nur in Träumen an, Text: Gregor Rottschalk; Musik Pascal Kravetz.

[22] Alles im Leben hat seine Zeit, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Peter Maffay.

[23] Sowohl das Design der Bühne als auch das der Kostüme stammen von Helme Heine.

[24] Im Vergleich zu anderen Musicals ist es auffällig, dass die Hauptperson der Geschichte (Tabaluga) nicht als Sänger/Sängerin im Zentrum steht, sondern auf eine reine Spielrolle begrenzt wird. Zudem stammen sämtliche Dialoge von Band.

[25] Peter Maffay, zitiert nach: http://kurzurl.net/F0lvI, 20. Juni 2013.

[26] Im Jahr der Tournee, 2011, war die Gruppe Unheilig eine der erfolgreichsten Deutschlands. Mit dem damals aktuellen Album Große Freiheit gewann die Band u.a. den Musikpreis ECHO für das Album des Jahres.

[27] Weitere Bandmitglieder (Peter Keller und Ken Taylor) folgen erst im zweiten Refrain.

[28] Tiefgekühlt, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Bertram Engel.

[29] Die Kameliendame, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Kader Kesek, Pascal Kravetz.

[30] Hase und Schnecke, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Rupert Keplinger, Katrin Schröder.

[31] Feuer und Liebe, Text: Gregor Rottschalk; Musik: Peter Maffay.

[32] Hierbei handelt es sich um den einzige, nicht von Gregor Rottschalk getexteten Song. Der Zeitverschwender, Text: Kader Kesek; Musik: Thomas Edzard Huber, Kader Kesek.

[33] Kowalke: Das goldene Zeitalter (wie Anm. 11), S. 172.

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